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Diese Internetseite beschäftigt sich mit den Themen „Diversität“, „Mehrfachzugehörigkeit“, „Partizipation“ und „Inklusion“.

Faraj Remmo: Kurde, Libanese, Deutscher und..., 1969 in Beirut geboren. Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Dozent an der Universität Bielefeld.
Die gleichzeitige Akzeptanz, das Wechselspiel aus verschiedenen Kulturen und die daraus resultierende Mehrfachverbundenheit sind für die (Welt-)Gesellschaft eine komplexe Herausforderung. Diese Phänomene bündeln sich in Konzepten wie der „Mehrfachzugehörigkeit“ und der „Mehrsprachigkeit“, die der Reduzierung und Festschreibung, dem Entscheiden für oder gegen eine Kultur, entgegenwirken. Ziel ist es, dass alle Referenzen des Individuums anerkannt und wertgeschätzt werden. „Bildungspolitische Mehrfachselbstverortung“ knüpft an die vorherigen, theoretischen Konstrukte („Mehrfachzugehörigkeit“ und „Mehrsprachigkeit“) an und setzt sie in der Praxis um.

Dankbarkeit

Mein kinngesteuerter Elektrorollstuhl ist für mich  viel mehr als ein reines Fortbewegungsmittel. Das Fahrzeug gibt mir als Tetraplegiker größtmögliche Bewegungs- und Handlungsfreiheit. Ich kann mich eigenständig und ohne Hilfe fortbewegen. Das ist gerade im Beruf sehr angenehm. So kann ich auch mal allein durch meinen Arbeitsbereich fahren und zum Beispiel den Kolleginnen und Kollegen einen Besuch abstatten. Während meiner Seminare kann ich dank meines E-Rollis mit meinen Studierenden interagieren und ich genieße es während meiner Vorträge nicht nur an auf Stelle stehenbleiben zu müssen. Mein Beruf, ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent in den Bereichen der Erziehungswissenschaften und Soziologie an der Universität Bielefeld, und besonders dessen praktische Umsetzung, das Lehren und der Austausch mit engagierten, neugierigen Studierenden bedeuten für mich unter anderem Selbstverwirklichung. Inhaltlich beschäftige ich mich in besonderem Maße mit Themen wie Inklusion, Integration und Partizipation.

Seit vielen Jahren engagiere ich mich für die Belange der Migrationsgesellschaft – ich selbst bin Kurde und wurde 1969 in Beirut, der Hauptstadt des Libanons, geboren - und für die Probleme von Menschen mit Behinderungen. Ich halte häufig Reden und Vorträge und bin als Berater von Städten, Organisationen, Vereinen und Einzelpersonen tätig. Mit meinen Sprachkenntnissen konnte ich vielen Geflüchteten und Migranten*innen bei Übersetzungen helfen. Ich spreche Arabisch, Kurdisch, Türkisch, Französisch, Englisch, Deutsch und Italienisch. Für meinen vielfältigen Einsatz wurde ich 2018 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Meine wissenschaftliche Karriere habe ich praktisch gegen jede Wahrscheinlichkeit hingelegt. Als Elfjähriger floh ich 1980 mit meiner Familie, während des Bürgerkriegs im Libanon, nach Deutschland. In Berlin lebten wir in Flüchtlingsheimen, wir Kinder gingen zur Grundschule. Ich besuchte noch ein halbes Jahr die Realschule, dann wurde unser Asylantrag abgelehnt. Wir kehrten in den Libanon zurück. In Würde, denn mein Vater wollte nicht in einer Nacht- und Nebelaktion abgeschoben werden.

Nach einem Bombenangriff im Sommer 1984, den mein Bruder Samir und ich nur knapp überlebten, schickte mein Vater uns beide allein zurück nach Berlin. Wir kamen in einem Jugendheim unter, durften aber anfangs nicht arbeiten. Nach einem einjährigen Grundlehrgang als Tischler verbesserte sich meine Lage. Ich bekam eine Arbeitserlaubnis und eine Aufenthaltsgenehmigung. Anschließend wechselte ich in die Gastronomie und brachte es vom Tellerwäscher zum Kellner. Im August 1990 passierte der Unfall mit einer hohen Lähmung als Folge. Als meine Eltern zur Hochzeit meines Bruders nach Deutschland kamen, blieben sie, um mir beizustehen. Gemeinsam wohnten wir in einem Flüchtlingslager bei Herford - ohne behindertengerechte Einrichtungen, ohne einen Rollstuhl und andere Hilfsmittel. Wir kannten uns mit solchen Themen nicht aus. Wenn du deine Rechte nicht kennst, wirst du nicht wahrgenommen!

Das änderte sich allmählich nachdem ich einen mehrmonatigen Reha-Aufenthalt wegen eines Nierenproblems hatte.  Ich traf Menschen in ähnlicher Lage, die mitten im Leben standen, sich auskannten und sich mit mir austauschten. Mein neuer elektrischer Rollstuhl mit Kinnsteuerung brachte mir dann die ersehnte Bewegungsfreiheit zurück. Ich suchte einen Behindertenberater auf, lernte für meine Rechte zu kämpfen und um Hilfe zu bitten. Dann ging es Schlag auf Schlag, vor allem als ich 1998 die deutsche Staatsbürgerschaft bekam. Innerhalb weniger Jahre holte ich sämtliche Schulabschlüsse nach. Mit 31 Jahren hatte ich meinen Hauptschulabschluss in der Tasche, es folgten der Realschulabschluss und das Abitur. Danach begann ich ein Doppelstudium an der Universität Bielefeld.

Ich hatte schon von anderen Menschen im Rollstuhl gelernt, dass ein Studium machbar ist. Wichtig ist aber, dass man die vorhandenen Ressourcen nutzt und erweitert, indem man z.B. die verschiedenen Beratungsangebote in Anspruch nimmt. Besonders hilfreich finde ich das „Peer Counseling”, also die Beratung von Betroffenen durch Menschen in möglichst vergleichbarer Lebenslage.

2005 erlangte ich mein Diplom in Pädagogik, 2006 in Soziologie. Meine Dissertation schloss ich mit der Note 2,0 ab. Mein schönster Lohn war, dass ich meiner Mutter auf diese Weise etwas zurückgeben konnte.

Die Uni Bielefeld erwies sich für mich, als Studierender im Rollstuhl, als fast ideales Umfeld für mein Studium: Ich hatte alles Notwendige, was ich für den Uni-Alltag benötigte. Zudem waren bauliche Barrieren gering, sodass ich zum Beispiel Zugang zu Hörsälen- und Seminarräumen hatte. Dank des zentralen Forums - eine Art Marktplatz innerhalb der Uni Bielefeld - konnte ich unterschiedliche Einrichtungen wie Bank, Buchhandlung, Lebensmittelgeschäfte oder Schreibwarengeschäfte, ohne umständliche Umwege in die Stadt, nutzen. Praktisch auch: Das Job-Center war der Universität angegliedert, sodass es keine große Aktion brauchte, um nach Assistenten zu suchen. Entsprechend konnte ich viele notwendige Alltagsaufgaben bereits in der Universität erledigen. In einer Hinsicht habe ich es damals als Elektrorollstuhlfahrer sogar einfacher gehabt als die Nutzer eines manuellen Rollstuhls: Zu meinen Studienzeiten gab es noch nicht überall elektrische Türöffner. Während meine Assistenzkraft die Türen öffnen konnte, mussten meine Mitstudierenden im Rollstuhl erst andere Personen um Hilfe bitten oder sie sogar erst suchen. Weil es bis heute noch vereinzelt Barrieren gibt, gründete ich 2005 gemeinsam mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern das Referat für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Das Referat arbeitete Anregungen und Vorschläge aus, entwickelte Maßnahmen und setzte sie um. Mittlerweile gibt es an der Universität eine „Diversity Policy” - nachzulesen auf der Webseite der Universität Bielefeld.

Unsere Anregungen wurden unter anderem deshalb aufgegriffen, weil wir regelmäßig in der Uni-Halle auf das Thema „Studium und Behinderung“ aufmerksam gemacht haben. Das Referat (RSB) forderte von der Uni diesbezüglich strukturelle Veränderungen hinsichtlich der Inklusion, Diversity und Partizipation von Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen, die letztendlich durch die wohlwollende Haltung des Rektorats durchgeführt worden sind. Zudem gelang es, durch die Aufmerksamkeit und die Unterstützung verschiedener Hochschulgruppen mehr Mitgestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten in der politischen Hochschullandschaft zu gewinnen.

Erst durch meinen Willen habe ich es geschafft, mich in meiner Persönlichkeit zu entfalten. Durch unangenehme Überraschungen des Daseins wie Rückschläge, Verzweiflung, meine Lähmung und den damit verbundenen „erfolgreichen“ Umgang entwickelte sich bei mir ein starker Wille, der vor meinem Unfall nicht vorhanden war. Durch diesen Willen konnte ich die Herausforderungen, die sich mir gestellt haben, überwinden und an ihnen wachsen.

Doch wäre das alles in dieser Form nicht ohne Assistenzkräfte möglich gewesen. Ein regionaler Kostenträger stellt mir die Arbeitsassistenz zur Verfügung, die mich im universitären Alltag unterstützt. Meine wissenschaftliche Hilfskraft erledigt für mich zudem die wissenschaftlichen Aufgaben, die ich nicht mit den Händen erledigen kann. Dazu gehört unter anderem das Arbeiten am PC, das Verfassen von Mitschriften bei Gremien, die Vorbereitung von Veranstaltungen und das Erstellen von Präsentationen.

Auch zu Hause erleichtern mir Hilfsmittel den Alltag: Das ist zum Beispiel der Zimmerdeckenlift für den Transfer vom Bett in den Rollstuhl und das höhenverstellbare Pflegebett. Mithilfe eines Umfeld-Sprachsteuerungs-Geräts kann ich ohne fremde Hilfe telefonieren, den Fernseher bedienen und das Licht ein und ausschalten. Den Laptop bediene ich mithilfe einer Integra-Maus mit dem Mund.

Außerdem versuche ich mich für den Alltag körperlich fit zu halten, ich achte sowohl auf meine gesunde Ernährung als auch auf meine geistige und seelische Ausgeglichenheit, das heißt, um es an einem Beispiel zu veranschaulichen: Während meines Aufenthaltes auf der Intensivstation nach meinem Unfall, hatte ich eine Nahtoderfahrung. In dieser Situation befand ich mich in einem außergewöhnlichen Ruhezustand, es war ein außergewöhnlich angenehmes Gefühl. Ich versuche mir jeden Tag diese spirituelle und beruhigende Erfahrung ins Gedächtnis zu rufen, um innere Ruhe und Frieden zu finden.

Aber auch für die Zukunft bleibt vieles zu tun. Mein nächstes Ziel und großer Wunsch, ist es, den Enthinderungsansatz, auf den ich in der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg aufmerksam geworden bin, an unserer Universität zu implementieren. Dabei geht es im Kern darum, die Hochschule als Lern-, Arbeits- und Lebensraum so zu gestalten, dass Studierende und Mitarbeitende, die von Behinderungen oder Benachteiligungen betroffen sind, mit und ohne Assistenz selbstverständlich und barrierefrei ein Studium absolvieren beziehungsweise ihre Arbeit durchführen können.